Dekoloniale Kunsttherapie: Wenn der Anfang nicht wirklich der Anfang ist
Kunsttherapie wird uns als Erfindung weißer Frauen des 20. Jahrhunderts gelehrt. Dabei heilten Menschen sich selbst und einander schon lange vorher mit Sand, mit Farbe, Musik oder in der Arbeit mit Skulpturen. Bis heute wird Therapeut*innen Neutralität gelehrt und das in einem System, das mitnichten neutral ist. Doch was geht verloren, wenn wir uns vor unserer politischen und gesellschaftlichen Verantwortung verstecken und wie kann dekoloniale Kunsttherapie in der Praxis aussehen?
Petra Schott (2023), “No Bad News Today”
Wenn der Anfang nicht wirklich Anfang ist
Während meines Studiums der Kunsttherapie lernte ich, dass das Feld der Kunsttherapie unter anderem von der österreichischen Kunsttherapeutin Edith Kramer und der Amerikanerin Margaret Naumburg begründet wurde. [1] Kramer, die 1938 aus Wien in die USA emigrierte, bekam 1950 ihre erste offizielle Stelle als Kunsttherapeutin am Wiltwyck School for Boys, einem Heim für straffällig gewordene Jungen im Bundesstaat New York. Aus dieser Arbeit entstand 1958 ihr grundlegendes Buch „Art Therapy in a Children's Community". Naumburg wiederum gründete schon 1915 die Walden School, eine progressive, psychoanalytisch inspirierte Schule in New York, aus der in den 1930er Jahren ihr Ansatz der „dynamically oriented art therapy" hervorging.[2]
Was mir sofort auffiel: Kramer hat einen Großteil ihrer prägenden Arbeit mit Schwarzen Jungen geleistet und trotzdem finden deren Erfahrungen mit Rassismus und die Folgen durch Diskriminierung keinen Raum in ihrem Buch, das noch bis heute ein Standardwerk der kunsttherapeutischen Ausbildung ist. Das gesamte Feld der Kunsttherapie besteht fast ausschließlich aus Lehren und Theorien weißer Menschen. Mit keinem Wort wird erwähnt, dass Kunsttherapie nicht erst dann angefangen hat, als weiße Frauen sich damit beschäftigten, sondern dass kreative Formen der Heilung schon immer Teil indigener und präkolonialer Kulturen waren. Traditionelle Chinesische Medizin etwa galt in Europa jahrhundertelang als „unwissenschaftlich", obwohl sie zu den ältesten durchgehenden Heilsystemen der Menschheit zählt.[3] Bei den Akan in Ghana ist Farbe seit jeher nicht bloß ästhetisch, sondern rituelles Werkzeug, um kosmische Energie und Übergänge zu markieren, wie Trauer oder Reinigung.[4] Die Diné (Navajo) legen bis heute mehrtägige Heilzeremonien um Sandbilder herum an, die Medizinmenschen aus gefärbtem Sand, zerriebenem Sandstein und Maismehl auf den Boden zeichnen.[5] Die erkrankte Person setzt sich am Ende auf das Bild, damit seine Kraft aufgenommen wird. Im Anschluss wird es zerstört. Dabei wird das Verschwinden selbst Teil der Heilung. Die Kraft soll ins Universum zurück, nicht festgehalten, verkauft oder gar ausgestellt werden. Bei den Kongo-Völkern Zentralafrikas wiederum sind Nkisi Nkondi geschnitzte Machtfiguren, die ein Nganga — also eine geistig-medizinische Fachperson — durch Gebete, Gesänge und eingebettete heilige Substanzen aktiviert, um körperliche, soziale oder spirituelle Leiden zu behandeln.[6] Wer Heilung, Gerechtigkeit oder die Einlösung eines Versprechens sucht, schlägt einen Nagel in die Figur. Jeder Nagel wird dabei zu eine Gelübde, einem Akt gegen das Böse, sichtbar und gemeinschaftlich bezeugt. Die Heilung findet hier nicht im stillen Kämmerlein statt, sondern ist für alle sichtbar. Das ist Kunsttherapie, lange bevor der Begriff erfunden wurde. Nur wurde sie nie so genannt.
Unknown Artist (18 Jh.), Nkisi Nkondi Statue
Auch die Kunstgeschichte, die in der Bildanalyse immer wieder eine Rolle spielte, konzentrierte sich in meiner Ausbildung einzig und allein auf weiße, europäische Künstler*innen. Repräsentation war so gut wie nie vorhanden und Schwarze Menschen wurden, wie im Buch Kramers, nur als Problemfälle dargestellt. Dabei erlebte ich selbst oft, wie ich als Schwarze Frau aneckte, und musste rassistische Kommentare einstecken, deren Ausmaß mir erst viel später bewusst wurde, nämlich dann, als ich mich mit anderen nicht-weißen Therapeut*innen vernetzte, die ähnliche Erfahrungen machen mussten. Struktureller und institutioneller Rassismus kommen in Hochschule und Universitäten zusammen und werden durch individuelles Unwissen, Ignoranz oder Vorurteile befeuert.[7] Für viele Therapeut*innen of Color wird die Ausbildung zur Qual. Sie erleben sich als isoliert, schutzlos. Dieses Gefühl teilen sie mit Patient*innen, die im therapeutischen Setting immer wieder Mikroaggressionen erleben und durch weiße, unreflektierte Therapeut*innen retraumatisiert werden.
Lindsay Adams (2026), “SOIL”
Die weiße Leinwand, die keine ist
Gleichzeitig lehrte man uns, wir sollen uns verhalten wie weiße Leinwände. Absolute Abstinenz, absolute Neutralität. Doch Neutralität funktioniert nicht in einem Rahmen, der per se nicht neutral ist. Kerry Kruk-Borisov, die 2025 ein antirassistisches Framework für die neurowissenschaftliche Kunsttherapie-Forschung vorgeschlagen hat, bringt es in einem Interview mit einer ihrer Teilnehmerinnen auf den Punkt: „So much like generalizing White university students and telling that 'this is the human mind'."[8] Genau das passiert, wenn Neutralität behauptet wird, wo eigentlich ein weißer Standard als universell gesetzt wird. Institutioneller Rassismus wird über diese vermeintliche Neutralität weitergetragen. Durch homogene Studien, durch Messtechnologie, bei denen dunklere Haut- und Haartypen nie mitgedacht wurden, durch eine Ausbildung, die „der Mensch" sagt und weiße Mittelschicht meint.[8] Im schlimmsten Fall bis hin zu unseren Patient*innen, wenn ihre kulturelle Erfahrung im Material, in der Literatur, in der Sprache der Therapie einfach nicht vorkommt. Selbst wenn nichts davon aus Boshaftigkeit erwächst, so sind die Ausmaße doch für viele Menschen verherend. Denn Rassismus macht krank, Rassismus verhindert, dass wir uns Hilfe suchen und Rassismus tötet.[9] Das zu ignorieren, nicht mitzudenken, zu verneinen bedeutet auch, mitzumachen. Es bedeutet eben jene Menschen im Stich zu lassen, denen man zu helfen sich ja eigentlich zur Berufung gemacht hat. Was passiert also, wenn wir uns als Therapeut*innen zur weißen Leinwand machen? Wenn wir behaupten, wir hätten keine Meinung zum dem, was gerade in der Welt passiert und wenn wir statt uns für unsere Patient*innen stark zu machen, nur die Fahne der Abstinenz wehen. Als hätten wir mit all dem nichts zu tun. Als wären wir nicht Teil dieses Systems, der krankmachenden Strukturen. Wir sind alle in einem rassitischen System sozialisiert worden und es ist unsere Aufgabe, uns damit zu befassen. Doch da hört die Aufgabe nicht auf. Zu wissen, dass es Rassismus gibt, zu wissen, wie schmerzlich diese Erfahrungen sein können, reicht nicht aus. Wir müssen unsere Praxis dementsprechend anpassen und sie dekolonialiseren. Aber wie?
Kigsley Ayogu (2023), “Frantz Fanon”
Dekolonialisierung - nichts als leere Worte?
Der Begriff der Dekolonialisierung hatte seinen öffentlichen Höhepunkt 2020, im Zuge der Proteste nach der Ermordung George Floyds.[10] In Nordamerika, Belgien, Großbritannien wurde er plötzlich überall verwendet, oft bis zur Bedeutungslosigkeit. Heute fühlt er sich für viele leer und zweckentfremdet an, ein Wort, das man in Diversity-Statements einfügt, ohne dass sich etwas wirklich ändert. Es hat mich lange gebraucht, um zu begreifen, was er eigentlich sagen will. Denn wie soll man dekolonialisieren, was man nie anders kannte? Wie entkolonialisiert man ein Denken, das einem als das einzig existierende beigebracht wurde?
Ein Teil dieser Praxis ist Lernen. Nachfragen. Sich belesen und verstehen: Was existiert neben all dem, was mir beigebracht wurde, mit dem ich sozialisiert wurde? Homi Bhabha würde sagen: Kulturelle Identität entstehe nie in einer reinen Ausgangskultur, sondern immer in einem Zwischenraum, einem Raum der Spannung, in dem neue Bedeutung erst entsteht.[11] Frantz Fanon hat schon 1952 in „Black Skin, White Masks" beschrieben, wie der weiße Blick nicht nur sozial ausschließt, sondern das innere Selbstbild fragmentiert.[12] Dekoloniale Praxis heißt für mich: diesen Blick nicht zu reproduzieren. Und stattdessen zurückzuholen, was verdrängt wurde.
Hector Frank (2024), “Figurative Complexities”
Wie kann dekoloniale Kunsttherapie also konkret aussehen?
Es fängt beim Material an. Therapiekarten, Bildmaterial, Symbolik. Wenn wir bei der Nutzung unseres Material nur auf weiße Künstler*innen und Autor*innen zurückgreifen, dann verlieren wir nicht nur einen Großteil unserer Klient*innen, nein wir versäumen es auch, unseren Horizont zu erweitern. Etwas zu lernen, dass wir vorher so nicht wussten. Repräsentation und kulturspezifisches Verstehen von Symbolik gelingt eben nur dann, wenn wir uns trauen, den Blick über europäische Grenzen hinaus zu werfen. Viele BIPoCs in Deutschland kennen das Gefühl, zwischen den Stühlen zu sitzen. Für die Deutschen waren sie nie deutsch genug und für die Mitglieder der weiteren Kultur sind sie oft zu deutsch, um wirklich dazuzugehören. Diese Isolation kann sehr schmerzhaft sein, wenn Zugehörigkeit immer nur binär verstanden wird. Wenn wir jedoch ganz ehrlich sind, dann ist es keine Frage, die sich einfach mit "Ja" oder "Nein" beantworten lässt. Bryana French und ihre Kolleg*innen nennen das in ihrem Radical-Healing-Framework „Collectivism": nicht individuelle Identitätsklärung, sondern eine gemeinsam nachvollziehbare Erfahrung von Mehrfachzugehörigkeit.[13] Wenn wir unseren Klient*innen jedoch nur weiße Literatur, Theorie oder Kunst anbieten, dann werden sie immer wieder mit dem Gefühl konfrontiert, dass Weißsein die Norm ist und sie dieser niemals entsprechen werden.
Dekoloniale Kunsttherapie bedeutet macht- und systemkritisches Arbeiten. Dazu gehört anzuerkennen, dass Rassismus ein direktes Ergebnis von Kolonialisierung ist, kein zeitloses, natürliches Phänomen. Es bedeutet rassismuskritische Praxis: aktiv benennen, was sonst stillschweigend vorausgesetzt wird. Es bedeutet, Testimony zuzulassen, Räume zu schaffen, in denen Betroffene von struktureller Gewalt Zeugnis ablegen können, ohne dass ihre Erfahrung infrage gestellt wird. Es bedeutet auch, die eigene Positionalität offenzulegen, statt sich hinter professioneller Distanz zu verstecken. Und es bedeutet, Material und Methode selbst zu befragen: Woher kommt diese Technik? Wessen Denktradition liegt ihr zugrunde? Wangechi Mutu, deren Collagen Kolonialgeschichte und Gegenwart gleichzeitig verhandeln, hat es so formuliert: „We live in a moment of collage, of splicing, of entering one another's space, of coexistence, and of forced coexistence."[14] Genau das ist die Aufgabe. Koexistenz und erzwungene Koexistenz gleichzeitig aushalten, statt sie zu einer bequemen Einheit zu glätten.
Abel Beyene (2025), “Reflections of my World”
Kunsttherapie ist kein neutraler Raum
Kunsttherapie ist kein neutraler Raum. Sie ist direkt von gesundheitspolitischen Faktoren beeinflusst. Rassismus hat einen messbaren Einfluss auf Gesundheit, auf das Herz-Kreislauf-System, auf das Risiko für Depression und Angst, auf die Art, wie ein Nervensystem lernt, sich selbst zu regulieren oder eben nicht.[9]
Deshalb geht es nicht nur darum, Symptome zu heilen. Es geht darum zu schauen, was wir tun können, um wieder Halt zu finden in einem System, das viele Menschen fallen lässt. Dazu gehört Vernetzung. Co-Regulation. Wieder Vertrauen in Beziehungen finden. Verbindung mit der eigenen Community. Aber auch Organisation und Widerstand. Gemeinschaftliche Verantwortung, nicht nur individuelle Bewältigung.
Die Therapie hört nicht an der Tür des Therapieraums auf. Sie geht da draußen weiter. Kunst hatte immer den Sinn der Kommunikation und Verbindung. Kunst will emotionale Verbindung schaffen, auch außerhalb des therapeutischen Rahmens.
Audre Lorde hat einmal geschrieben: „Caring for myself is not self-indulgence, it is self-preservation, and that is an act of political warfare."[15] Genau darum geht es mir, wenn ich von dekolonialer Kunsttherapie spreche. Nicht um ein Konzept für Diversity-Broschüren. Sondern um eine Praxis, die versteht: Sich selbst und einander zu heilen, ist in einem System, das das nicht vorsieht, kein privater Akt. Es ist ein politischer.
Quellen
[1] Edith Kramer — biografische Eckdaten: Wikipedia „Edith Kramer"; NYU Special Collections, Edith Kramer Papers (findingaids.library.nyu.edu). Kramer, E. (1958). Art Therapy in a Children's Community.
[2] Margaret Naumburg — biografische Eckdaten: Wikipedia „Margaret Naumburg"; Jewish Women's Archive, Eintrag „Margaret Naumburg".
[3] Traditionelle Chinesische Medizin als eines der ältesten durchgehenden Heilsysteme — allgemeine historische Einordnung, keine Einzelquelle. Vor Veröffentlichung mit einer konkreten Quelle (z. B. WHO Traditional Medicine Strategy) absichern.
[4] Blay, Y. A. (2009). Color Symbolism. In: Asante, M. K., & Mazama, A. (Hrsg.), Encyclopedia of African Religion. SAGE, S. 173–175. (PDF liegt in wiki/papers/)
[5] Navajo/Diné Sandpainting: „An Art of Healing: Navajo Sandpainting", Old Jail Art Center (2020); navajopeople.org, Eintrag „Navajo Sand Painting".
[6] Nkisi Nkondi: Smarthistory, „Power Figure (Nkisi Nkondi), Kongo peoples"; Brooklyn Museum, Objekteintrag Nkisi Nkondi; Britannica, Eintrag „Nkisi".
[7] Struktureller/institutioneller Rassismus in der akademischen Ausbildung — Kruk-Borisov, K. A. (2025). Conceptualizing an antiracist framework for neuroscience research in art therapy: a qualitative pilot study. Frontiers in Human Neuroscience, 19:1492779.
[8] Ebenda — Zitat und Beleg zu homogenen Stichproben/Messtechnologie.
[9] Rassismus als Gesundheitsdeterminante: French, B. H., Lewis, J. A., Mosley, D. V., et al. (2020). Toward a Psychological Framework of Radical Healing in Communities of Color. The Counseling Psychologist, 48(1), 14–46. / Geronimus, A. T. (1992). The weathering hypothesis and the health of African-American women and infants. Ethnicity & Disease, 2(3), 207–221.
[10] Dekolonisierungs-Diskurs, Höhepunkt 2020: „Is Decolonization More Than a Buzzword?", The Elephant (2022) — Einordnung im Kontext der Proteste nach der Ermordung George Floyds.
[11] Bhabha, H. K. (1994). The Location of Culture. Routledge.
[12] Fanon, F. (1952/1967). Black Skin, White Masks. Grove Press.
[13] French et al. (2020), s. [9] — Radical-Healing-Anker „Collectivism".
[14] Wangechi Mutu — Zitat, Primärquelle NICHT verifiziert. Kursiert in Sekundärquellen (u. a. bereits im Cards-of-Color-File verwendet). Vor Veröffentlichung Quelle klären oder Zitat entfernen/umformulieren.
[15] Lorde, A. (1988). A Burst of Light: And Other Essays. Firebrand Books.
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