Stagnation in der Psychotherapie: Was tun, wenn nichts mehr vorangeht?

Stagnation in der Psychotherapie: Wenn Psychotherapie nicht vorangeht

Katsushika Hokusai (ca. 1831), Die große Welle vor Kanagawa

Wenn Therapie zum Déjà-vu wird

Sie kennen das. Die Patient*in sitzt vor Ihnen, pünktlich wie jede Woche. Kooperativ. Reflektiert. Sie kann ihre Muster benennen, ihre Trigger einordnen, ihre Kindheit analysieren. Die Karte ihres inneren Erlebens wird mit jeder Sitzung detaillierter. Aber das Gelände – das tatsächliche Erleben, die Veränderung im Alltag, der Moment, in dem etwas wirklich anders wird – bleibt unberührt.

Keine Durchbrüche. Keine Rückschläge. Keine Dringlichkeit. Die Sitzungen fühlen sich an wie Variationen desselben Gesprächs. Und irgendwann schleicht sich ein Gefühl ein, über das wir in der Kollegschaft selten offen sprechen: Langeweile. Hilflosigkeit. Die leise Frage, ob es an uns liegt.

Es liegt nicht an Ihnen. Zumindest nicht allein.

Die Zahlen zeigen, wie häufig dieses Phänomen ist: Über 50 % der Patient*innen mit Depression sprechen nicht auf Psychotherapie an, nur etwa ein Drittel erreicht Remission(Cuijpers et al., 2021, Acta Psychiatrica Scandinavica). Bis zu 30 % zeigen keine substanzielle Verbesserung (Lambert, 2013). Etwa jeder Fünfte bricht die Therapie vorzeitig ab (Swift & Greenberg, 2012). Und dennoch schätzen Therapeut*innen die Verschlechterungsrate ihrer eigenen Patient*innen auf gerade einmal 3,66 % – weit unter den tatsächlichen 5–10 % (Walfish et al., 2012).

Therapeutische Stagnation ist kein Zeichen von Inkompetenz. Sie ist eines der häufigsten und am wenigsten besprochenen Phänomene unseres Berufs.


Was therapeutische Stagnation eigentlich ist

Stagnation, Impasse, Deadlock – verschiedene Begriffe, ein Phänomen

Die Forschung verwendet eine Vielzahl von Begriffen für das, was sich im klinischen Alltag einfach „festgefahren" anfühlt: Therapeutic Impasse, Deadlock, Stalemate, Plateau, Stuckness, Non-Response. Werbart, Gråke und Klingborg (2020) haben in ihrer phänomenologischen Studie mit psychodynamischen Therapeut*innen diese Begriffsfragmentierung dokumentiert und etwas Wichtiges festgestellt: Die Vielfalt der Bezeichnungen spiegelt die Verlegenheit des Feldes. Deadlocks sind, so die Autor*innen, scham- und schuldbesetzte Phänomene. Wir sprechen nicht gern darüber.

Was all diese Begriffe zu sagen vermögen: Der therapeutische Prozess kommt zum Stillstand. Die Arbeitsbeziehung stagniert, neue Einsichten bleiben aus, Veränderung findet nicht statt – trotz regelmäßiger Sitzungen, trotz beiderseitigem Engagement. Im Therapieraum entsteht eine Leere, die sich nicht zu überbrücken scheint.

Woran Sie erkennen, dass eine Therapie stagniert

Stagnation kündigt sich selten laut an. Sie schleicht sich ein – und oft ist es der Körper, der sie zuerst bemerkt.

Es beginnt häufig auf der Verhaltensebene: Die Patient*in sagt kurzfristig ab, kommt zu spät, „vergisst" die Hausaufgaben. Oder – subtiler – die Sitzungen gleiten in einen Recap-Modus, in dem die Woche zusammengefasst wird, ohne dass etwas Neues entsteht. Es sieht aus wie Therapie. Es klingt wie Therapie. Aber es bewegt sich nichts. Als würde man dieselbe Route auf der Karte immer wieder mit dem Finger nachfahren, ohne je wirklich loszugehen.

Dieses Muster bleibt nicht ohne emotionale Folgen. Die Patient*in beginnt, an der Therapie zu zweifeln – oder schlimmer: an sich selbst. Frustration, Resignation, ein leises „vielleicht bin ich einfach nicht therapierbar". Gleichzeitig spüren Sie als Therapeut*in etwas, das schwer einzuordnen ist: eine Schwere in den Sitzungen, ein Nachlassen Ihrer eigenen Neugier, vielleicht sogar den Impuls, die Sitzung im Kopf schon zu beenden, bevor sie begonnen hat. Das sind Gegenübertragungssignale – und sie verdienen Aufmerksamkeit.

Und dann, auf der kognitiven Ebene, das vielleicht deutlichste Zeichen: Das Gespräch dreht sich im Kreis. Dieselben Themen, dieselben Formulierungen, dieselben Einsichten – nur dass sie inzwischen wie auswendig gelernt klingen. Die Karte wird immer detaillierter. Aber Sie beide spüren: Das Gelände hat sich kein Stück verändert.

Was ist Stagnation in der Psychotherapie: Deadlock, Impasse, therapeutische Sachgasse

Frida Kahlo (1946), Der verwundete Hirsch

Warum Therapien stagnieren

Wenn Patient*innen nicht können: Vermeidung, Ambivalenz und die Kluft zwischen Verstehen und Fühlen

„Ich verstehe alles, aber ich fühl’s trotzdem nicht."

Diesen Satz höre ich in meiner Praxis regelmäßig – und ich vermute, Sie auch. Er beschreibt eine der frustrierendsten Formen der Stagnation: Die Patient*in hat ein kognitives Verständnis ihrer Problematik entwickelt, kann ihre Dynamiken benennen, ihre Abwehrmechanismen erkennen. Aber im gelebten Alltag stellen sich keine neuen emotionalen Reaktionen ein. Die Einsicht bleibt auf der Karte. Das Gelände reagiert nicht.

Ich möchte Ihnen eine Patientin aus meiner Praxis vorstellen. Eine 37-jährige Frau kommt zu mir, schwanger mit ihrem ersten Kind. Sie hat mehrere Jahre tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie hinter sich, ist psychisch stabil, hat viel über sich gelernt. Und doch: Ihre Verlustängste kommen in Stresssituationen zuverlässig zurück. Das Gefühl, alles kontrollieren zu müssen, wird mit der bevorstehenden Geburt fast unerträglich. Sie sagt: „Ich weiß, woher das kommt. Ich weiß, was es mit meiner Kindheit zu tun hat. Aber dieses Wissen ändert nichts daran, wie sich mein Körper anfühlt, wenn ich Angst habe, die Kontrolle zu verlieren."

Sie hat die Kunsttherapie aufgesucht, um endgültig aus diesen Mustern auszubrechen – nicht weil ihre Psychotherapie gescheitert ist, sondern weil sie spürt, dass ein Teil von ihr über Sprache allein nicht erreichbar ist.

In den ersten beiden Sitzungen malt sie konstruiert. Durchdachte Bilder, in denen sie bewusst Wünsche manifestiert: Glück, Freiheit, Selbstbewusstsein. Sie bespricht die Bilder analytisch, fast wie in einer Therapiesitzung. Die Karte, wieder.

In der dritten Stunde kommt sie das erste Mal ohne Plan. Kein Schema, keine Idee. Sie lässt sich von Farben und Pinsel leiten, malt einfach drauflos – und erlebt plötzlich etwas, das sie selbst überrascht: ihre spielerische Seite. Ein Teil von ihr, den sie kaum noch kennt. Im kreativen Prozess stellt sich ein Selbstbewusstsein ein, das nicht aus Kontrolle entsteht, sondern aus dem Gegenteil. Sie muss sich nicht beweisen. Nicht strukturieren. Nicht analysieren. Sie kann einfach frei malen. Es ist eine zutiefst körperliche Erfahrung: Dieser Anteil in ihr ist nicht verloren gegangen. Er war da, die ganze Zeit – nur in den letzten Jahren leiser geworden. Und zum ersten Mal stellt sich das Gefühl ein, dass sie loslassen darf.

Die Ambivalenz gegenüber Veränderung ist kein Widerstand im klassischen Sinne, sondern ein zutiefst menschliches Dilemma: Der Wunsch nach Veränderung kollidiert mit der Angst vor dem, was danach kommt. Und manchmal reicht sprachliches Verstehen nicht aus, um diesen Konflikt zu lösen. Manchmal muss er erfahren werden.

Wenn Patienten nicht weiterkommen in der Therapie

Hilma af Klint (1907), The Ten Largest, No. 3, Youth, Detail

Wenn die Methode an ihre Grenzen stößt

Kein Verfahren wirkt bei allen Patient*innen. Besonders anfällig für Stagnation sind Behandlungen von Persönlichkeitsstörungen – insbesondere Borderline-Persönlichkeitsstörung, die historisch mit Therapieresistenz assoziiert wurde (Psychiatric Times, 2025). Ebenso chronische Depression: 30–40 % der medikamentös behandelten Patientinnen erfüllen die Kriterien einer Treatment-Resistant Depression (Frontiers in Psychiatry, 2025). Komplexe Traumafolgestörungen, dissoziative Störungen und ausgeprägte Alexithymie gehören ebenfalls zu den Diagnosen, bei denen Stagnation in der Psychotherapie besonders häufig auftritt.

Bemerkenswert ist, dass der Begriff „Therapieresistenz" zunehmend kritisch gesehen wird. Psychiatric News (2024) plädiert dafür, ihn durch „Clinical Impasse" zu ersetzen – nicht als semantische Kosmetik, sondern als konzeptuelle Verschiebung: Weg von der Pathologisierung der Patientin, hin zur Analyse des Gesamtprozesses. Denn die Schuld für eine Stagnation sollte weder allein bei der Therapeut*in noch bei der Patient*in gesucht werden. Manchmal steckt nicht ein Mensch fest, sondern ein Prozess. Und das zu erkennen, darf Erleichterung sein – für beide Seiten.

Allianzbrüche und unausgesprochene Spannungen

Safran und Muran haben zwei Formen von Alliance Ruptures beschrieben, die in 25–68 % aller Therapien auftreten: Withdrawal Ruptures, bei denen die Patient*in sich emotional zurückzieht, und Confrontation Ruptures, bei denen offene Unzufriedenheit geäußert wird (Eubanks, Muran & Safran, 2018, Psychotherapy). Beide Formen können therapeutisch produktiv sein – wenn sie erkannt und bearbeitet werden. Unerkannt führen sie zu schleichender Stagnation.

Das Paradoxe daran: Patient*innen trauen sich oft nicht, die Stagnation anzusprechen. Sie erleben ihre Therapeut*in als Expert*in und scheuen die Konfrontation. So entsteht eine Situation, in der beide Seiten spüren, dass etwas nicht stimmt, aber niemand es ausspricht.


Die Grenzen des Gesprächs – Wenn Sprache zum Schutzschild wird

Verbale Abwehrmechanismen: Intellektualisierung, Rationalisierung, Erzähl-Schleifen

Hier wird es für mich als Kunsttherapeutin besonders interessant. Denn viele Stagnationen haben einen gemeinsamen Nenner, der in der Fachdiskussion erstaunlich selten benannt wird: Die Abwehr spricht dieselbe Sprache wie die Therapie.

Die Patient*in, die brillant intellektualisiert, nutzt exakt das Werkzeug, das die verbale Therapie ihr anbietet – nur zur Vermeidung statt zur Veränderung. Die Rationalisierung ersetzt emotionales Erleben durch logische Erklärungen. Die Erzähl-Schleife, in der dieselbe Geschichte immer wieder erzählt wird, wird zum Gefängnis, das wie Reflexion aussieht. Von Below beschreibt dieses Phänomen als „Pseudo-Mentalisierung" – die Patientin wirkt reflektiert, aber es handelt sich um erlernte therapeutische Sprache ohne emotionale Tiefe.

Besonders perfide ist die verbale Compliance. Patient*innen sagen das „Richtige". Sie benutzen die Begriffe, die sie in der Therapie gelernt haben. Sie klingen wie jemand, der Fortschritte macht. Aber sie fühlen nichts davon. Sie haben gelernt, die Karte perfekt zu zeichnen. Und die Abwehr zeichnet mit.

Alexithymie und vorsprachliches Erleben

Etwa 10 % der Allgemeinbevölkerung sind von Alexithymie betroffen, bei psychosomatischen und traumatisierten Patient*innen liegt die Rate deutlich höher. Diese Menschen haben schlicht keinen sprachlichen Zugang zu ihrem inneren Erleben. Traumatische Erinnerungen sind zudem häufig vorsprachlich gespeichert – als Körperempfindungen, Bilder, Fragmente, nicht als Narrationen.

Für diese Patient*innen ist rein verbale Therapie wie der Versuch, einen Geschmack telefonisch zu beschreiben. Das Medium passt nicht zum Material.

Das strukturelle Paradox: Die Abwehr spricht dieselbe Sprache wie die Therapie

Das ist der zentrale Punkt, den ich in meiner klinischen Arbeit immer wieder beobachte: In verbaler Therapie ist das Werkzeug der Heilung identisch mit dem Werkzeug der Abwehr. Sprache erlaubt Kontrolle. Die Patient*in kann filtern, editieren, inszenieren. Sie kann – bewusst oder unbewusst – genau die Geschichte erzählen, die sie vor dem schützt, was eigentlich bearbeitet werden müsste.

Das ist kein Vorwurf an die Gesprächstherapie. Es ist eine strukturelle Begrenzung des Mediums. Solange Therapeut*in und Patient*in nur die Karte studieren, bleibt das tatsächliche Gelände – das vorsprachliche, verkörperte, noch nicht formulierte Erleben – unangetastet.

Um das Gelände zu betreten, braucht es einen Zugang, der nicht über Sprache führt.

adjuvante Kunsttherapie als Weg aus der therapeutischen Sackgasse

Amrita Sher-Gil (1937), Three Girls, Detail

Kunsttherapie als Weg aus der therapeutischen Sackgasse

Wie Kunsttherapie wirkt, wenn Worte nicht reichen

Kunsttherapie arbeitet im Gelände, nicht auf der Karte. Das klingt poetisch, ist aber ein konkreter therapeutischer Mechanismus: Im kreativen Prozess greift die verbale Abwehr nicht. Man kann ein Bild nicht intellektualisieren, während man es malt. Man kann eine Tonarbeit nicht rationalisieren, während die Hände formen.

Das Material – Farbe, Ton, Collage – erzeugt sensorische Erfahrungen, die neue Verarbeitungswege eröffnen. Der kreative Prozess erzeugt das, was ich „produktive Überraschung" nenne: Das Bild zeigt etwas, das die Patient*in nicht geplant hat. Das festgefahrene System aus Erklärungen, kognitiven Denkmustern und erlernten psychologischen Konzepten wird durcheinander gebracht. Auch unser gehirn braucht produktives Chaos, um neue Verbindungen zu knüpften - das ist schließlich das prinzip der Neuroplastizität. Im künstlerischen Prozess wird zudem Inneres Erleben externalisiert, wodurch die inneren Konflikte sichtbar und damit verhandelbar gemacht werden können – ohne den Umweg über Sprache.

Erinnern Sie sich an die schwangere Patientin aus dem Beispiel weiter oben? In der verbalen Therapie wusste sie alles über ihre Verlustängste. Sie konnte die Muster benennen, die Auslöser analysieren, die biographischen Zusammenhänge einordnen. Aber das Wissen allein veränderte nichts an dem Druck in ihrer Brust, wenn sie an die Geburt und die erste Zeit danach dachte.

Im kunsttherapeutischen Prozess passierte etwas, das Sprache nicht hätte leisten können: Sie erlebte am eigenen Körper, dass Kontrollverlust nicht nur bedrohlich sein muss. Dass Loslassen auch Spielen sein kann. Dass der Teil in ihr, der frei und unstrukturiert sein darf, nicht verschwunden ist. Kein Therapeut*in hätte ihr das sagen können – sie musste es erfahren. Das Bild war kein Bericht über ihr Erleben. Es war ein Fragment davon.

Für welche Patient*innen ist Kunsttherapie besonders indiziert?

In meiner klinischen Erfahrung profitieren besonders jene Patient*innen von adjuvanter Kunsttherapie, bei denen die verbale Therapie an genau die oben beschriebenen Grenzen stößt: Patient*innen mit ausgeprägter Intellektualisierung und Rationalisierung. Patient*innen mit Alexithymie oder eingeschränktem emotionalem Ausdruck. Menschen mit komplexen Traumata, bei denen Erinnerungen vorsprachlich gespeichert sind. Patient*innen mit chronischer Depression und Grübelschleifen, die verbal immer wieder dieselben Bahnen ziehen. Menschen mit rigiden Abwehrmustern, die in der verbalen Therapie „funktionieren", aber nicht vorankommen.

Adjuvante Kunsttherapie: Ein komplementärer Zugang

„Adjuvant" im medizinischen Sinne beschreibt eine Behandlung, die die Wirksamkeit der Hauptbehandlung verstärkt. Genau so verstehe ich psychodynamische Kunsttherapie: nicht als Ersatz der laufenden Psychotherapie, sondern als paralleler Verarbeitungskanal.

Psychodynamische Kunsttherapie arbeitet mit denselben theoretischen Konzepten – Übertragung, Gegenübertragung, Widerstand, unbewusstes Material – nur über ein anderes Medium. Material aus der Kunsttherapie kann in die verbale Therapie zurückfließen. Die Bilder werden zur Brücke zwischen dem, was die Patient*in nicht sagen kann, und dem, was im therapeutischen Gespräch bearbeitet werden kann.

Das ist kein Paradigmenwechsel. Es ist eine Erweiterung des therapeutischen Repertoires.

wie wirkt Kunsttherapie

Suzanne Valadon (1931), La Chambre bleue

Wann und wie Sie Patient*innen an eine Kunsttherapie überweisen

Indikatoren für eine Überweisung

Nicht jede Stagnation erfordert eine Überweisung. Aber wenn Sie bei einer der folgenden Beobachtungen innerlich nicken, lohnt es sich, eine adjuvante Kunsttherapie in Betracht zu ziehen:

Die Therapie stagniert seit mehreren Monaten ohne erkennbaren Fortschritt – obwohl die Allianz intakt erscheint und Sie gemeinsam alles Naheliegende versucht haben. Die Patient*in zeigt ausgeprägte verbale Abwehrmechanismen: Intellektualisierung, Erzähl-Schleifen, Pseudo-Mentalisierung – die Karte wird immer schöner, aber das Gelände bleibt still. Es liegt eine Alexithymie oder ein deutlich eingeschränkter emotionaler Ausdruck vor, der den sprachlichen Zugang zum inneren Erleben begrenzt. Vorsprachliche oder körperlich gespeicherte Traumata lassen sich im Gespräch kaum erreichen. Oder – und das ist vielleicht der ehrlichste Indikator – Sie bemerken bei sich selbst wiederholt Gegenübertragungsreaktionen wie Langeweile, Frustration oder Hilflosigkeit. Das sind keine Schwächen. Das sind Signale, die etwas über den Prozess aussagen, nicht über Ihre Kompetenz.

Eine Überweisung zur Kunsttherapie ist kein Eingeständnis von Scheitern. Sie ist ein therapeutischer Impuls – für Ihre Patient*in und manchmal auch für den gemeinsamen Prozess.

Wie eine begleitende Kunsttherapie in der Praxis aussieht

In der Regel beginnt die Zusammenarbeit mit einem Erstgespräch, in dem die Therapieziele und die Schnittstelle zur laufenden Psychotherapie geklärt werden. Die Kunsttherapie-Sitzungen finden parallel statt – idealerweise in enger Rückkopplung mit der überweisenden Therapeut*in, sofern eine Schweigepflichtentbindung vorliegt.

Ein häufiges Bedenken höre ich immer wieder: „Meine Patient*in sagt, sie kann nicht malen." Das ist völlig irrelevant. Kunsttherapie hat nichts mit künstlerischem Können zu tun. Es geht nicht um das Ergebnis, sondern um den Prozess. Die therapeutische Wirkung entsteht im Tun, nicht im Werk. Zudem ist die Erfahrung, sich in einem unbekannten terrain zu bewegen und Schritt für Schritt mehr Neugierde und Sicherheit zu erleben wichtig für die Selbstwirksamkeit. Denn es gehört eine Menge Mut dazu, aus gewohnten Bahnen auszubrechen.

Stagnation als Signal, nicht als Scheitern

Stagnation bedeutet nicht, dass die Karte falsch ist. Sie bedeutet nicht, dass Sie als Therapeut*in versagt haben oder dass Ihre Patient*in „therapieresistent" ist. Sie bedeutet, dass der aktuelle Zugang an seine Grenzen stößt. Das ist ein diagnostisches Signal, kein Urteil.

Auch die Forschung empfiehlt an diesem Punkt Methodenflexibilität und multimodale Ansätze. Hernandez et al. (2022) sprechen von „Habitual Creativity" als einem von fünf Prinzipien gegen Stagnation in Langzeittherapien. Werbart et al. (2020) betonen, dass die Bearbeitung von Deadlocks zu den tiefgreifendsten therapeutischen Erfahrungen führen kann – wenn wir bereit sind, den gewohnten Rahmen zu verlassen.

Adjuvante Kunsttherapie ist eine Möglichkeit, das zu tun. Evidenzbasiert, komplementär, in der psychodynamischen Tradition verankert. Kein Eingeständnis von Scheitern, sondern ein kluger nächster Schritt.

Denn manchmal muss man die Karte beiseitelegen, um das Gelände zu betreten.

 
 

Quellen

  • Cuijpers, P. et al. (2021). The effects of psychotherapies for depression on response, remission, reliable change, and deterioration: A meta-analysis. Acta Psychiatrica Scandinavica, 144(3), 288–299.

  • Eubanks, C.F., Muran, J.C. & Safran, J.D. (2018). Alliance rupture repair: A meta-analysis. Psychotherapy, 55(4), 508–519.

  • Hernandez, S.C. et al. (2022). Clinical Recommendations for Navigating an Impasse in Long-Term Psychotherapy. Archives of Psychiatry and Psychotherapy, 3, 53–62.

  • Lambert, M.J. (2013). The efficacy and effectiveness of psychotherapy. In: Handbook of Psychotherapy and Behavior Change, 6th Ed.

  • Safran, J.D., Muran, J.C. & Eubanks-Carter, C. (2011). Repairing alliance ruptures. Psychotherapy, 48(1), 80–87.

  • Swift, J.K. & Greenberg, R.P. (2012). Premature discontinuation in adult psychotherapy: A meta-analysis. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 80(4), 547–559.

  • Walfish, S. et al. (2012). An investigation of self-assessment bias in mental health providers. Psychological Reports, 110(2), 639–644.

  • Werbart, A., Gråke, E. & Klingborg, F. (2020). Deadlock in psychotherapy: A phenomenological study. Counselling Psychology Quarterly, 35(2), 295–313.

 

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